Keine Motivation

Luis hat keine Lust mehr auf die Schule. Es ist ihm ein Graus dort hin zu gehen. Seine Motivation ist gleich null. Das Schlimme ist, mir fehlen die Argumente. Wie soll ich ihm denn eine Situation begreiflich machen, die ich selbst nicht verstehe? Er muss zur Schule gehen, aber dort erfährt er nichts anderes als Ausgrenzung. Sport darf er nicht mitmachen, Religion darf er nicht mitmachen, er wird vor die Tür gestellt, ständig sitzt er in einer anderen Klasse oder bei der Direktorin und muss dort arbeiten. Wie soll ich dieses Kind für die Schule motivieren? Das geht nicht.
Und trotzdem muss ich ihn da morgen früh wieder hinbringen. Er wird wieder nicht aufstehen wollen, ich werde ihn aus dem Bett heben müssen, werde ihm helfen müssen beim Anziehen, werde seinen Ranzen packen müssen, ihm gut zureden, ihn ablenken, versuchen gute Stimmung zu machen, ihn zur Schule fahren, ihm den Ranzen aufsetzen, ihm viel Spaß wünschen und zusehen wie er sich im Schneckentempo in das Schulgebäude schafft. Ich werde da sitzen, im Auto und ihm hinter her schauen bis die Eingangtür zu fällt.

Elterngespräch (3)

Nachdem Luis’ Klassenlehrerin zwei Wochen krank war und wir eigentlich seit den Herbstferien auf einen Gesprächstermin warten, durften wir am Freitag endlich die heiligen Schulhallen betreten. Wir erwarteten bei diesem Gespräch nicht nur die Klassenlehrerin, sondern auch die Direktorin. Die war aber leider nicht zugegen. Auf meine Nachfrage, erfuhren wir, dass diese leider gleich einen Termin habe und nicht am Gespräch teilnehmen könne. Also ohne die Direktorin.
Eine Stunde lang wurde geredet, gestritten und manchmal geschwiegen. Und die schweigenden Momente waren eigentlich die besten. Die Lehrerin hält nach wie vor daran fest, dass Luis’ Verhalten auf Erziehungsdefizite zurück zu führen sei und außerdem ist sie jetzt auch noch der Auffassung, Luis sei entwicklungsverzögert. Entwicklungsverzögerung deshalb, weil er oft so bockig ist und sich total verweigert. Freiheitlich erzogen hätten wir ihn, versuchte sie es positiv zu formulieren. Ich hätte am liebsten den Raum sofort verlassen.

Ich mache es dieser Frau wirklich nicht zum Vorwurf, dass sie Luis nach so wenigen Wochen noch nicht vollständig begriffen hat, ich mache es ihr auch nicht zum Vorwurf, dass sie keine Expertin auf dem Gebiet der Begabtenförderung ist. Ich mache es ihr allerdings zum Vorwurf, dass sie noch nicht einmal in Betracht zieht, ich könne recht haben. Sie gesteht ein, dass ihre bisherigen Maßnahmen nichts gebracht haben (was ich ihr prophezeit habe). Sie gesteht ein, dass Luis überdurchschnittliche kognitive Fähigkeiten hat, ist aber der Meinung sein Arbeits- und Sozialverhalten müsse sich durch außerschulische Therapiemaßnahmen verbessern, damit er seine Anlagen schulisch nutzen kann. Ich könnte schreien, wenn ich so einen Schwachsinn höre. Jetzt soll ich mit ihm eine Verhaltenstherapie machen, damit er in der Schule nicht mehr so auffällig ist. Außerdem soll ich natürlich an meiner Erziehung arbeiten. (Vergessen scheint sie zu haben, dass ich eine Tochter in der Dritten habe, die höflich, freundlich, äußerst sozial, zuvorkommend und zudem sehr vernünftig ist.) Ich musste während dieses Gespräches eher an meiner eigenen Erziehung arbeiten, ich hätte sie nämlich gerne mal für einen kurzen Moment vergessen.

Fazit: Die Lehrerin hat gemerkt, dass ihr disziplinarischer Maßnahmenkatalog nichts bringt. Sie versucht es jetzt mit kognitiver Förderung – Zusatzaufgaben. Luis darf ab nächster Woche wieder am Sportunterricht teilnehmen, vom Religionsunterricht bleibt er weiterhin ausgeschlossen.

Wir haben dringend um einen Termin bei der Direktorin gebeten.

Der Test

Donnerstag. Früh um acht machen wir uns auf den Weg zur Psychologin. Nach einer Stunde Fahrt sind wir am Ziel. Luis war die Fahrt über sehr ruhig. Ein herrliches Anwesen empfängt uns nicht weniger freundlich als die Psychologin. Sie führt uns in den Raum, in dem Luis nun die nächsten fünf Stunden zeigen soll, was in ihm steckt. Sie erklärt kurz, dann müssen Mama und Papa raus.
Es gibt immer wieder Pausen, in denen einer von uns mit der Psychologin spricht, der andere mit Luis kickert oder Tischtennis spielt. Er ist gut drauf, richtig gut.
Gegen 14 Uhr ist es geschafft. Wir verabschieden uns und rennen durch den Regen zu unserem Auto. Als Luis sitzt und angeschnallt ist, läuft draußen auch die Psychologin vorbei. Schnell ist das Fenster runter gekurbelt und er ruft noch einmal: „Tschühüss.“
„Ja, Tschühüss, komm gut nach Hause“, klingt es fröhlich zurück.
„Komm du auch gut nach Hause“, ruft Luis noch während er das Fenster wieder hoch kurbelt.
„Mama, das ist vielleicht die netteste Frau, die ich in meinem ganzen Leben kennen gelernt habe.“
„Netter als ich?“, frage ich erschrocken.
„Ja!“

Selten hab ich mich über ein Kompliment so gefreut, das gar nicht mir galt. Test- und Untersuchungsergebnisse erhalten wir in der nächsten Woche. Morgen Elterngespräch in der Schule.

Fieber

Gestern Abend beim Insbettgehen sagte Luis sichtlich müde: „Mama, morgen kann ich nicht in die Schule, morgen habe ich Fieber.“
Heute morgen hat er 38 Grad Fieber.

Blick in neue Richtungen

Besuch bei der DghK, der „Deutschen Gesellschaft für das hoch begabte Kind“. Wieder viele Fallbeispiele gehört, die ich meiner Sammlung an missratenen Schulkarrieren hinzufügen kann. Aber auch Hinweise auf Grundschulen, die mit besonders oder sogar hoch begabten Kinder umzugehen wissen. Eine Schule ist sogar ganz nah an unserem Wohnort. Wir werden uns diese Schulen anschauen und Gespräche mit den Verantwortlichen dort führen.

Aber noch warten wir auf ein Gespräch mit Luis Lehrerin, die bereits seit zwei Wochen krank ist.

Elterngespräch in der Dritten

In dieser Woche waren Elterngespräche der dritten Klassen. Ja, Luis hat eine große Schwester in der Dritten. Sie ist maximal unterfordert, aber nicht auffällig. Zumindest der Lehrerin nicht, mir schon.
Ständiges Genörgel zu Hause, dass die Schule so langweilig sei, dass es keinen Spaß mache, dass sie nur Baby-Freundinnen habe, die blöde Spiele spielen und die Lehrerin viele Sachen gar nicht weiß. Vor zwei Wochen hat Töchterchen selbst ins Hausaufgabenheft geschrieben, dass sie den Unterricht total langweilig findet. Darauf hat die Lehrerin mit ein paar Knobelaufgaben reagiert. Im Elterngespräch sagt sie doch tatsächlich zu mir, dass sei so nicht zu erkennen gewesen, dass unser Töchterchen mehr brauche. Und überhaupt mache sie ja auch noch Fehler.
Da half alles Reden nicht. Diese Lehrerin hat überhaupt keinen Begriff von Begabung. Sie hat mir ein paar Arbeitshefte empfohlen, die ich für zu Hause anschaffen könne, damit Töchterchen darin arbeiten kann.

Ich habe wirklich sehr behutsam versucht, der Lehrerin zu erklären, dass eine besondere Begabung nicht durch hohe oder gar perfekte Leistungen zu erkennen ist. Ich habe ihr versucht zu erklären, dass ich keine Materialien für zu Hause brauche, dass es zu Hause keine Probleme gibt. Ich habe versucht zu erklären, dass es mir wichtig sei, dass die Tochter mal in die Lage versetzt wird, lernen zu müssen. Ich habe versucht und versucht und versucht, aber es ist nichts angekommen. Es ist wirklich unfassbar mit welch einem Tunnelblick Pädagogen heute durch die Gegend laufen.

Sollte ich tatsächlich eine neue Schule für Luis suchen müssen, ist schon jetzt klar, dass die Tochter auch auf die neue Schule geht. Auch wenn es nur noch ein gutes Jahr ist.

Kleiner Mann spielt großes Schach

Gestern war ich mit Luis beim Schachclub. Er spielt dieses Spiel schon ein paar Jahre. Vieles hat ihm der Papa beigebracht, vieles auch das wunderbare PC-Spiel „Fritz und Fertig“. Ein wenig professionelle Anleitung könne nicht schaden, dachte ich mir. Also der Schachclub. Eine Stunde lang saß der kleine Mann einem großen Mann gegenüber, zwischen beiden nur das Schachbrett und ein paar Figuren. Eine Stunde lang ging es Zug um Zug, der große Mann erklärte, der kleine folgte, manchmal war es umgekehrt. Am Ende sagte der große Mann zu mir: „So was hab ich selten erlebt.“

Und es geht doch

Mittwochs machen die Kinder in der Ganztagsbetreuung Bewegungsspiele. Luis hat sich dazu angemeldet und ist ganz begeistert. Die Dame, die diese Bewegungsspiele anleitet, sagte mir gestern mit Blick auf Luis: „Der ist ja klasse!“
Wenn ich Luis mittwochs abhole, habe ich ein sehr ausgeglichenes Kind, er redet ruhig und agiert sehr höflich. Als ihm ein älterer Junge einen Keks anbietet, sagt Luis: „Nein, ich möchte jetzt nicht, aber danke für das Angebot.“
Dann springt er fröhlich ins Auto und erzählt stolz: „Mama, in der nächsten Woche darf ich bestimmen, welche Spiele wir machen.“

Liebe in die Sache bringen

Luis geht seit Anbeginn der Schule auch in die Schulbetreuung. Dort geht er gerne hin. Die Chefin dort hat mich auch schon auf Luis Verhalten angesprochen. Ich erzählte ihr von der Problematik, von den Gesprächen mit der Lehrerin und der Direktorin. Ganz offen sprach ich mit ihr über Hochbegabung und ADS, und dass wir letztendlich noch keine Gewissheit hätten.
Sie hatte sehr viel Verständnis und ich erfuhr, dass ihr Mann wohl früher auch die ADS-Diagnose gestellt bekommen habe. Daher sei sie mit der Problematik vertraut und wisse, wie sehr solche Kinder Hilfe brauchen. Mich hat das Gespräch sehr berührt, weil ich selten auf soviel Verständnis gestoßen bin.
Heute habe ich wieder kurz mit ihr gesprochen. Sie hatte den Brief gelesen, den Luis’ Klassenlehrerin mir geschrieben hatte (und indem ich darüber informiert wurde, dass Luis, weil er ohne Bekenntnis ist und sich nicht angemessen verhält, nicht mehr am Religionsunterricht teil nimmt), und sie fand diesen Brief im Ton und in der Sache ziemlich hart. Sie meinte, die Klassenlehrerin könnte die Situation wahrscheinlich sehr entschärfen, wenn sie „ein bisschen Liebe in die Sache rein bringt“.
Wahre Worte an einer Stelle, an der ich sie gar nicht erwartet hätte. Ja, es könnte wirklich vieles einfacher sein.

Lehrerin krank

Erst als Luis heute Abend schon im Bett lag, erfuhr ich, dass seine Klassenlehrerin schon wieder krank ist. Vor den Herbstferien hat sie auch schon einige Tage gefehlt. Ich habe Luis gefragt, bei wem sie denn dann Unterricht hatten. Irgendwelche anderen Lehrerinnen halt, sagte er. Dann machte er eine lange Pause und rang plötzlich mit den Tränen. „Ich durfte schon wieder kein Sport mitmachen.“
„Möchtest du wieder mitmachen?“, fragte ich. Im Hinterkopf hatte ich noch sein Statement: Mir doch scheißegal, wenn ich da nicht mitmachen darf!
Doch sofort schwenkte er wieder um und schimpfte über die Sportlehrerin. Als ich Einhalt gebot, zog er sich die Decke über den Kopf. Mein Zuspruch half wenig. Also sagte ich nichts mehr, saß nur ganz ruhig auf der Bettkante. Es dauerte eine Weile, dann ergriff eine kleine Hand meinen Arm, zog ihn zu sich und ich hörte eine sanfte Stimme sagen: „Gell, Mama, die verstehen nicht, das ich ein besonderes Kind bin.“
„Nein, das verstehen die nicht. Aber ich werde hingehen und es denen sagen, immer und immer wieder.“ Die letzten Worte sprach ich sehr leise, denn nun waren die Tränen bei mir. Er hat sie nicht bemerkt.

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Endlich Schulkind

Dies ist die Geschichte meines Sohnes, der so gerne ein ganz normales Schulkind wäre. Er ist es nicht. Er ist anders. Nach acht Wochen Schule, packt er zum ersten Mal seinen Rucksack und sagt: Mama, ich gehe weg, damit ich nicht mehr in diese Schule muss.

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