Es muss Ende Januar gewesen sein. Ich wollte Luis von der Schule abholen und traf auf dem Schulhof seine Klassenlehrerin. Sie sprach mich an und erzählte, dass Luis sich im Matheunterricht geweigert hätte, einen Aufgabenzettel zu bearbeiten. Er habe ihn zerrissen.
“Ich habe Ihnen die Schnipsel in seine Mappe getan. Er soll das bitte zu Hause kleben und rechnen. Er muss lernen, dass er damit nicht durch kommt.”
Ich hielt Ausschau nach Luis und meinte nur zu der Lehrerin: “Ja, ich schaue mir das an.”
Zu Hause schaute ich mir den Mathezettel, beziehungsweise die Überreste davon an. Ich musste lachen (ohne, dass Luis das mitbekommen hätte). Luis hatte ganze Arbeit geleistet. Ich bat Luis um eine Stellungnahme. Er erklärte mir, dass er der Lehrerin gesagt habe, die Aufgaben seien ihm zu einfach, er möchte andere Aufgaben rechnen.
“Sehr gut”, gebe ich ihm zur Antwort. “Und wie hat die Lehrerin darauf reagiert?”
“Die hat gesagt, ich solle erst diese Aufgaben rechnen, dann könnte ich andere bekommen.”
“Und dann hast du den Zettel zerrissen?”
“Ja.”
“Hm, kann ich verstehen. Aber jetzt will die Lehrerin, dass du ihn zusammen klebst und zu Hause rechnest.”
“Nie im Leben, Mama. Das kann die vergessen.”
Klassischer Fall, dachte ich mir. Diese und ähnliche Situationen sind in jedem Buch über Hochbegabung beschrieben. Ich konnte Luis verstehen. Die Lehrerin hatte sich jedoch auf einen Machtkampf mit ihm eingelassen und meinte nun, in mir eine Verbündete finden zu müssen. Sollte ich jetzt Luis unter Druck setzen, damit er diesen dämlichen Mathezettel ausrechnet? Es waren Additions- und Substraktionsaufgaben im Zwanzigerraum. Ich wusste, er macht das im Schlaf. Ich nahm also die Papierschnipsel an mich und sagte Luis: “Okay, vergessen wir diesen Zettel.”
Ich schrieb eine Notiz ins Hausaufgabenheft: Sehr geehrte Frau H., den zerrissenen Mathezettel habe ich weggeworfen. Mit freundlichen Grüßen, S.
Mir war klar, ich konnte diesen Machtkampf, in den mich die Lehrerin hinein gezogen hat, nicht anders beenden als an der Seite meines Sohnes.
Innovation. Sometimes math problems are very difficult – instead of teaching old dogs new tricks, new dogs get taught old tricks
http://www.metacafe.com/watch/4218585/create_innovation_in_the_eu/
Oh, so was kenne ich. ADHS + Hochbegabung in Mathe. Wie mein Sohn. Es war zwar bisher noch nicht so, dass mein Sohn einen Zettel zerrissen hat, aber er hatte schon in der Grundschule die Einstellung “nö, warum soll ich das machen, ist mir zu einfach”.
Wir wussten anfangs gar nicht was wir machen sollten, bis uns eine Kinderneurologin die Hochbegabung bestätigt hat.
Bevor aber nun mein Kind in der Schule leiden musste, habe ich den Spieß umgedreht und der Lehrerin gesagt, dass sein gelangweiltes Verhalten und das stören im Unterricht davon kommt, weil er unterfordert ist. Ich habe Sie dazu aufgefordert, dass sie was ändern muss und wenn es für ihn Sonderaufgaben gibt.
Und was war ? Die Lehrerin hat sich nie wieder beschwert.
Es ist nicht nur Aufgabe des Kindes sich auf die Schule ein zu stellen, sondern NEIN, wenn das Kind eine Hochbegabung hat, oder eine Krankheit, dann hat sich die Schule darauf ein zu stellen.
Das würde ich, wenn es sein muss, sogar bis zur Schulbehörde vertreten.
Jetzt geht mein Sohn in die 5. Klasse Gesamtschule. Ich habe den Lehrern gleich von Anfang an gesagt, was ADHS mit Hochbegabung bedeutet. Bin sogar noch einen Schritt weiter gegangen und habe den Lehrern Informationsmaterial gegeben. So beispielsweise, was ein Lehrer bei einem ADHS Kind beachten muss.
Das schöne ist, ich habe dadurch weder mit meinem Sohn noch mit den Lehrern große Probleme, weil sich alle aufeinander einstellen können. Reden mit den Lehrern und dem Kind war die Lösung.
So amüsant die Geschichte klingt – zum nachahmen sollte sie nicht einladen.
Als Lehrer habe ich genug Fälle erlebt, wo die Kinder genau wissen, wie sie Eltern und Lehrer gegeneinander ausspielen. Mit katastrophalen Folgen – denn “Mama haut mich schon raus!”
Wenn Eltern und Lehrer nicht an einem Strang ziehen… :-/
Zum Nachahmen, Herr Klinge, sollte die Geschichte tatsächlich nicht einladen. Und hier darf man die Vorgeschichte ganz sicher nicht außer Acht lassen. Es war viel passiert. Und eine Woche später war Luis schon nicht mehr Schüler dieser Schule. Ja, wenn Eltern und Lehrer nicht zusammen arbeiten können, sollte man Konsequenzen ziehen. Fahrlässig, wenn man es nicht tut.